C. Plinius grüßt seinen Nepos

Ich glaube bemerkt zu haben, daß gewisse Taten und Aussprüche von Männern und Frauen allbekannt, andre aber eigentlich großartiger sind. Diese meine Auffassung fand ich gestern in einem Gespräch mit Fannia bestätigt. Es ist dies die Enkelin jener Arria, die ihrem Gatten im Tode Trost und Vorbild war. Sie erzählte mir mancherlei von ihrer Großmutter, was nicht weniger großartig, aber weniger bekannt ist als dies und Dir wahrscheinlich ebenso wunderbar erscheinen wird, wenn Du es liest, wie mir, als ich es hörte. Caecina Paetus, ihr Gatte, war krank und auch ihr Sohn, beide todkrank, wie es schien. Der Sohn starb, ein außergewöhnlich hübscher, sittsamer Junge, den Eltern nicht nur deshalb lieb und teuer, weil er ihr Sohn war. Sie bereitete ihm das Leichenbegängnis, vollzog seine Bestattung so, daß ihr Gatte nichts davon bemerkte. Ja, sooft sie das Krankenzimmer betrat, tat sie so, als lebte der Sohn noch und als ginge es ihm besser, und auf seine wiederholte Frage, was der Junge mache, antwortete sie: "Er hat gut geschlafen, hat mit Appetit gegessen." Wenn dann die lange zurückgedrängten Tränen sie überwältigten und hervorstürzten, ging sie hinaus und gab sich dann erst ihrem Schmerz hin; wenn sie sich ausgeweint hatte, kehrte sie trockenen Auges und mit gefaßter Miene zurück, als hätte sie den derben Verlust draußen gelassen. Gewiß, großartig ist auch das andre, den Stahl zu zücken, sich in die Brust zu stoßen, den Dolch aus der Wunde zu ziehen, dem Gatten hinzureichen mit den unsterblichen, nahezu übermenschlichen Worten: "Paetus, es tut nicht weh!" Aber als sie das tat und sagte, stand ihr doch der ewige Ruhm vor Augen; größer als dies ist es, ohne Aussicht auf den Lohn der Ewigkeit, den Lohn des Ruhmes seine Tränen zu verbergen und nach Verlust des Sohnes noch die glückliche Mutter zu spielen. Scribonianus hatte in Illyrien die Waffen gegen Claudius erhoben; Paetus war daran beteiligt gewesen und wurde nach dem Todes des Scribonianus nach Rom geschleppt. Er wollte eben das Schiff besteigen, da bat Arria die Soldaten, sie mitfahren zu lassen. "Ihr wollt dem Konsular doch gewiß ein paar Sklaven beigeben, aus deren Hand er Nahrung empfangen kann, die ihm in die Kleider und die Schuhe helfen können; das alles werde ich allein besorgen", sagte sie. Sie fand kein Gehör, mietete ein Fischerboot und fogte dem großen Schiffe in dem kleinen Nachen. Als sich dann die Frau des Scribonianus vor Claudius zu einem Geständnis bereit erklärte, sagte sie: "Dich soll ich anhören, in deren Schoß Scribonianus ermordet worden ist, und Du lebst noch?" Woraus sich klar ergibt, daß der Entschluß zu ihrem schönen Tode ihr nicht von ungefähr gekommen ist. Ja, als Thrasea, ihr Schwiegersohn, sie anflehte, dem Tode Einhalt zu tun, und unter andrem sagte: "Du willst also, daß Deine Tochter, wenn ich einmal davongehen muß, mit mir stirbt?", da antwortete sie: "Wenn sie so lange und so einträchtig mit Dir gelebt hat wie ich mit Paetus, ja!" Diese Antwort hatte die Besorgnis ihrer Lieben noch gesteigert, und so beobachtete man sie noch schärfer; sie merkte das und sagte: "Es nützt Euch nichts; Ihr könnt machen, daß ich unschön sterbe, nicht, daß ich nicht sterbe!" Bei diesen Worten sprang sie vom Sessel auf, rannte in gewaltigem Schwung gegen die Wand und brach zusammen. Als man sie wieder zu sich brachte, sagte sie: "Ihr wußtet ja, daß ich einen vielleicht harten Weg zum Tode finden würde, wenn ihr mir den leichten versagtet!" Erscheinen Dir diese Vorgänge nicht großartiger als jenes "Paetus, es tut nicht weh", das durch sie vorbereitet wurde? Davon spricht niemand, während von jenem Ausspruch mittlerweile viel Wesens gemacht wird. Woraus hervorgeht, was ich zu Anfang gesagt habe: Mancherlei ist allbekannt, andres eigentlich großartiger.

Dein Gaius Plinius

 

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